Zum Piepen, Ttenna! (Ein Kinderbuch)

  1. Das Elfenkind
  2. Das Geflügelbäumchen
  3. Das Geschenk der Katze
  4. Die Wandernadel
  5. Ttenna wandert hinaus
  6. Die Wasserratte
  7. Die Kälte
  8. Timi Tüte
  9. Ratti Rattenschwanz
  10. Der Traum

Vier Mädchen

Ttenna heiß ich, bin sechs Jahre alt, und habe Locken. Pusteblumen mag ich und ohne Schuhe durch nasses Gras laufen. Morgens gehe ich in den Kindergarten. Und wenn ich sieben werde, bekomme ich einen Hund. Adamma ist meine beste Freundin. Sie kommt aus Afrika, hat struwwelige Haare wie ich. Und sonst ist sie so, weil der liebe Gott sie aus dunkler Schokolade gemacht hat. Adamma trägt lustige Röcke und läuft am liebsten barfuß. Sie will immer tanzen, eine Braut sein und Hochzeit spielen. Dafür wünscht sie sich, glattes, langes Haar. Das könnte sie mal so richtig gut durchkämmen.  

Nephele ist auch meine beste Freundin und kommt aus Griechenland. Sie liebt große Blumen und zieht sich feine Schuhe an. Manchmal klappern die sogar. Blau ist ihre Lieblingsfarbe. Deshalb wünscht sich Nephele zum Geburtstag ein himmelblaues Kleid. Und dann kommt Andrine. Die Freundin, die im Frühling aus Norwegen kam. Weil es dort ausgesprochen kalt ist, zog Andrine ihren roten Samtmantel noch nie aus. Sie mag alle Blumen und Jeanshosen. Andrines Mantel hat eine Kapuze. Die darf niemand runterziehen. Bald, wenn sie mal so richtig glücklich ist, dann …runter mit der Kapuze, verspricht mir Andrine.

Heute regnet es vor der Kita in Strömen. Deshalb bekommen wir Besuch von unserem Lieblingsclown Konfetti. Der ist zum Piepen, hat Haare aus bunter Watte. Über seine riesigen Pantoffeln stolpert er. Zur Begrüßung zieht Konfetti heute eine große Papierblume aus seiner Schlabberhose. Dann zwinkert er und will in seine Hände klatschen. Immer aneinander vorbei! Wir müssen so lachen! Konfetti atmet tief, dass seine Nase wackelt. Einmal, zweimal… Bei Drei rennt er los. Landet vor  Adamma. Er flüstert etwas in ihr Ohr, greift ihre Hand. Beide verschwinden hinter dem Vorhang.                               

Die Flöte spielt lange.                                                                                                                       

Da tänzelt ein Mädchen heraus. Hübsch sieht es aus; in seinem weißen Zauberkleid. Das Haar ist glatt und lang. Ich erkenne, dass es Adamma ist. Sie sieht sehr glücklich aus.

Konfetti stolpert ins Publikum, liegt vor Nephele und krabbelt ihren Fuß. Nephele kichert. Greift Konfettis Arm und verschwindet mit ihm hinter dem dicken Vorhang. Da kann man nicht durchgucken.

Dann das Klavier, der Vorhang wackelt.

Ein Kind ist zu sehen. Seine Arme bewegen sich nach den Tönen. Sein Kleidchen ist der Sommerhimmel. Leise staunen die Gäste und ich glaube es kaum. Es ist tatsächlich Nephele, die da vorne steht und himmelblau verzaubert lächelt.

Andrine schluckt. Sie weiß, was Konfetti will, als er drei Mal nach ihr ruft. Sie zieht sich ihre Kapuze tief hinunter. Der Clown schleicht heran, verliert beide Pantoffeln. Streichelt Andrine den Kopf. Und Andrine geht tatsächlich mit ihm weg.

Unter leisen Trommelschlägen tritt ein Mädchen auf die Bühne. Mit einem Samtmantel aus dem ein roter, leichter Rock herausfällt. Das Haar glitzert silbern. Tatsächlich ist es die schüchterne Andrine, Und:  ganz ohne Kapuze!

Zum Piepen, diese Welt mit Konfetti!

Das Elfenkind

Samara trägt immer einen langen Rock. Mit ihm kann sie weite Strecken fliegen. Doch wenn sie nur einen Straßenzug weiter flattern möchte, etwa zu Ttenna und ihrem Hund, dann reicht auch ein Miniröckchen.                                           

Heute fliegt Samara das kurze Stückchen. Und Freundin Ttenna trägt einen ähnlichen Rock.  Er hängt an ihrem dünnen Körper wie eine Osterglocke am Stiel. Als Samara ankommt, steht Ttenna mit dem bellenden Nrob im Garten.                                                 

Beide blicken unglücklich hinüber zu den Nachbarn, wo ein freches Mädchen hin und her läuft. Es ärgert Nrob mit keifenden Geräuschen.                                  Von hinten schimpft eine laute Frau wie eine fauchende Katze.                                                   

Das Elfenkind Samara begreift sofort. Sie fliegt über den Zaun.                             Mutig stellt sie sich beiden in den Weg:

„Aus!“ – „Schluss!“

Ihr rechter Fuß droht mit einem Tritt. Stille.  

Beide Streithühner verschwinden in ihrer Hütte. Samara flattert hin zur dankbaren Ttenna, zum brummelnden Nrob, dessen Schwänzchen gar nicht mehr aufhören will mit dem Wedeln.

„Zum Piepen, diese Menschenkinder“ denkt der Hund, ohne nachzudenken.

Das Geflügelbäumchen

Ich bin das Hühnchen Kim und ich teile mir mit einer Million Fünfundsechzighundert und drei Kinderhennen einen viel zu kleinen Stall.    Wir haben ein schlechtes Leben erwischt. Manchmal wünsche ich mir, dass wir eines Morgens alle tot da liegen. Dann würden sich die Menschen ärgern. Manche würden kein Geld mehr für uns bekommen. Andere würden uns nicht mehr hinunter schlingen können.

Wenn hin und wieder das frische Wasser aus den Düsen spritzt, lieben wir das Leben dann doch wieder; aber wenn sich die Kacke bis zu unseren Flügeln türmt, dann sind wir kurz vor der Hölle.

Die dunklen Nächte sind still oder ein leises Weinen ist zu hören.

Ich fühlte mich von Beginn an verantwortlich für die eine Million Fünfundsechzighundert und drei Hühnerküken.Wahrscheinlich, weil meine Urururgroßeltern auf einem Bauernhof aufgewachsen sind. Ich weiß nicht, woher ich das weiß. Ich denke, es  ist mir  ins Herz geschrieben. Jedenfalls spüre ich bei jedem Schlag ein Stück blauen Himmel, oder gelbe Sonne oder grünes Gras. Woher sonst sollte ich das erfahren haben, wenn ich es doch noch nie selbst erlebt hatte? Zudem bin ich deutlich kräftiger als meine Schwestern.

Brüder habe ich hier nicht. Sie sind allesamt von den Menschen umgebracht worden. Sie haben ihnen schlechte Luft gegeben bis sie daran erstickten. Wir Mädchen fragten uns lange Zeit, warum die Menschen so etwas tun. Doch irgendwann haben wir eine Erklärung gefunden. Als wir nach wenigen Tagen merkten, wie unser Platz schrumpfte weil wir rasend schnell fetter wurden, wussten wir, dass das bei unseren Brüdern nie so passieren konnte. Sie hatten viel mehr Muskeln und kein Gramm Speck. Mit ihnen hätten die Menschen keine saftigen Braten auf ihren Tischen.

Das ärgert die Menschen viel mehr als schlechte Luft oder ein krankes Meer. Und was dem Menschen nicht schmeckt auf dieser Welt, das spuckt er aus oder schmeißt er weg.

Heute Morgen sprangen die Ventilatoren bereits kurz nach Mitternacht an, die Düsen duschten uns und spülten den ganzen Mist fort. Bei Sonnenaufgang war es sauber wie seit unserer Ankunft nicht mehr. Kurz vor der Kraftfutterschüttung öffnete sich die größere der beiden Stalltüren, um ganz viele Menschen herein zulassen.

Sie liefen auf kurzen Beinen und sprachen durcheinander mit hellen Kinderstimmen. Es klang fast wie ein Gegacker…

Sauber und viel ruhiger als sonst futterten wir unser Frühstück und zeigten uns äußert glücklich. Die kleinen Wichte steckten ihre Arme durch die Gitter und mästeten uns. Dann kam einer von den Männern, der unsere toten Geschwister immer weggeworfen hatte. Er wirkte verändert und grinste, als er den Kindern von uns erzählte.

Dann lief die Besucherschar fort und wir blieben zurück, wieder unter uns. Ich allein mit einer Million Fünfundsechzighundert und drei ängstlichen,-  armen, viel zu dicken Hennen im Jugendalter. Langsam begann das nervöse Picken und Kratzen, das Hacken der Schnäbel und Bluten der Wunden, bis in die Nacht.

Ein blaues Licht funkelte durch die Löcher und Ritzen. Wir bemerkten Qualm, der uns in die Augen biss und stechende Schmerzen brachte.                                     Die Menschen wollten uns töten!

„NEIN!“  schrien wir! Das Tor sprang auf. Der uralte Baum war zu sehen. Er brannte lichterloh. Im Stall wurde es totenstill.

Man sagt, dass es im August des Jahres 2017 einen weltweiten Brand gab, den man erst zwei Jahre später vollständig löschen konnte.                                     In diesen vierundzwanzig Monaten hörten die Menschen auf, Tiere zu essen. Und, in dieser Zeit waren außergewöhnliche Pflanzen gewachsen. Sie standen auf zwei oder vier Stämmen. Ihr Blätterdach grunzte, wieherte, muhte, schnatterte  oder gackerte.

Zum Baum des Jahres 2018 wurde das Geflügelbäumchen gekürt. Es hatte zwei Stämmchen, seine Wurzel war besonders kräftig! Dumme Menschen stolperten darüber. Die anderen lächelten…

Und das waren sehr viele!

Zum Piepen lustig, oder nicht?

Das Geschenk der Katze

Tea und Jodokus  sind schon sehr alte Menschen, als sie noch immer in diesem Landhaus wohnen. Mit den Jahren fallen ihnen viele Besorgungen des Lebens sehr schwer. Teas gebeugter Rücken tut weh. Wenn sie schimpft, kann Jodokus  sie kaum noch hören.

Ein, zwei, drei Mal im Jahr kommt die Tochter mit ihren Kindern. Sie will Teas Haare waschen, Jodokus` Nägel schneiden, Fenster putzen, zum Arzt in die Stadt fahren. Der Kuhstall und die Weiden sind inzwischen leer. Wenn die alte Tea nach dem Rechten sieht, sackt sie auf dem Hauklotz zusammen und zieht den kleben gebliebenen Duft von Heu, Korn und Mist in sich auf.

Wenn Jodokus über den Hof schlurft, hört er noch die Esel,-Pferde- und Hundestimmen von damals in seinem Kopf. Er erinnert sich an die Felle und den Geruch der Tiere. Dass Ttenna und Jodokus das Gleiche fühlen, das wissen sie nicht, weil sie kaum noch miteinander sprechen.

Allein die alte Katze ist beiden geblieben. „Vielleicht ist sie schon zwanzig!“ denkt Tea.“ Sie muss schon bald zwei Jahrzehnte alt sein!“, schmunzelt Jodokus, wenn die graue Lola sich um seine Stöckerbeine windet.

Seine Finger sind gelb vom Tabakrauch und fahren durch die rauen Katzenhaare. Er hört nicht, dass seine Frau die Katze ruft. Das Tier rennt ihm davon. Bei Tea schnappt sich Lola eine Sprotte und zieht mit dem Fischchen davon.

Dann sitzen die alten Leute am Mittagstisch. Viel essen sie nicht, weil sie so sparsam sind. Tea spült die Teller mit kaltem Wasser ab.

Jodokus benutzt keine Toilettenspülung sondern füllt den Zahnputzbecher mit Wasser zum Nachspülen.

Nichts ist mehr richtig sauber im Haus.

Dann liegt Jodokus auf dem Sofa. Tea schlummert im Ohrensessel ein.

Eine Stunde später setzt sie das Teewasser auf und lässt ihn schlafen.

Dass Jodokus in dieser Minute seinen letzten Atemzug macht, fühlt Tea nicht.

Es ist schon dunkel, als sie nach im sieht.

Kühl ist seine Hand und er schweigt.

Tea weint und streichelt ihn die ganze lange Nacht.

Als sie Jodokus abholen, steht Tea ewig in der Tür.

Die Katze kommt. Sie wartet auf eine Sprotte.

Aber die Hände der Frau sind leer und der Blick und die Stimme.

Zwei Wochen vergehen. Inzwischen holt Tea viel Fisch von den Nachbarn. Ihre Tochter mit den Kindern hat sie besucht und viele andere traurige, Menschen in schwarzen Sachen. Dann kommen große Autos. Das Haus wird leer geräumt.

Tea erzählt der Katze, dass sie nun fortgeht.  Sie erzählt auch von der Angst, in einem Heim mit anderen Leuten zu wohnen.                                                           

Am letzten Morgen tritt die alte Frau heraus und ruft zum Abschied. Doch Lola taucht nicht mehr auf.

Tea verhakt die Finger beider Hände, dreht Däumchen und ruft  wieder und wieder. Leise und laut. Kurz und gedehnt.

Das Taxi wartet nur ungeduldig. Als der Fahrer die letzte Tasche von der Stufe nimmt, trifft Teas Blick den Boden.

Sie reibt sich die nassen Augen und schüttelt den schweren Kopf. Dann bückt sie sich. Eine kleine, tote graue Maus liegt ihr zu Füßen.                                           „Wunderbar!“ flüstert Tea: „Das Geschenk unserer Katze!“

Teas Pflegerin hat zwei Tage lang beim Auspacken geholfen. Ein paar Damen vom Flur haben geklopft. Tea schließt sich ein.

Endlich hat sie Zeit, den rechten Winterstiefel aus dem Schrank zu kramen. Sie stülpt ihn kopfüber auf den Tisch. Die tote Maus fällt heraus. Sie  sieht nicht schön aus. Sie hat ihre Form verloren, ist steif, faulig und stinkt.           Tea rümpft die Nase und lächelt verliebt. Alle, die Tea besuchen, ekeln sich. Deshalb klopft bald niemand mehr an Teas Tür.

Die Schwestern wecken Tea oft. Sie sagen, es riecht allmählich besser. Sie sieht nach. Das Mäuschen ist noch da. Klein, verschrumpelt und inzwischen wirklich fast geruchlos. Beruhigt hängt die müde Frau ihr weißes Nachthemd wie einen Schleier über die Knochen.

Dann macht sie sich auf die letzte Reise. Kippt ins Bett hinein, hält das Mäuschen und hört Jodokus rufen. „Jetzt piepst du wohl, Tea…“ waren ihre letzten Worte!“

Die Wandernadel

Es ist ein früher Morgen. Hund und Mädchen ganz alleine. Ttenna sieht auf die Standuhr. Die tickt die Zeit weg und rückt den Moment heran, an dem sie aufbrechen wird, um nicht zu spät zur zweiten Stunde zu kommen. Ttenna streicht dem Hund das Fell glatt. Zum Dank leckt er ihre Hand, flattert das Schwänzchen und ruft zum Spiel.

Aber Ttenna will zum letzten Mal ihren Ranzen kontrollieren und den Turnbeutel holen. Das sagt sie dem springenden Tier, das durch die Stuben fegt, immer schneller und lauter wird. Ttenna muss lachen. Sie betritt den Flur, der Beutel riecht nach Sport und Staub.

Plötzlich gellt ein lauter Schrei durch die Luft! Ttenna zuckt zusammen, lässt alles fallen und sprintet zurück. Winselnd und hinkend zieht sich Nrob über den Teppich. Seine Zunge leckt die linke Vorderpfote, die Zähne nagen an der Sohle.  Das Fiepen wird lauter.

Ttenna stürzt heran, dreht ihren Liebling plumpsend auf die Seite und versucht, eine Pfote nach der anderen zu erwischen. Oh nein, wie konnte das passieren? Wie kam eine Nähnadel unbemerkt auf den Boden? Jetzt  steckt sie bis über die Hälfte im zuckenden Ballen des Freundes. Das Mädchen spürt die ersten Tränen hochklettern. Die zitternden Finger greifen nach dem Ende der Nadel.

Und im eiskalten Nacken hört Ttenna die Schauergeschichten der Großmutter über wandernde Nadeln, die schnell den Weg zum Herz finden. Dann ist es aus, das Leben!

Ttenna heult auf. Sie kann die Nadel nicht fassen.

Immer wieder greift sie zu, – umsonst! Sie lässt es sein, rennt die Treppe hinab, überspringt zwei Stufen und tut sich sehr weh. Die kleine Oma steht in der Küche und lässt sich ungefragt die Stufen nach oben ziehen. Dort liegt das winselnde Tier, auf das sich Ttenna setzt und die Großmutter winkt.

Innerhalb von Sekunden überschauen Omas trübe Augen alles. Ihre trockenen alten Finger ziehen die Nadel aus dem Leder der Sohle. Ttenna schnellt empor, hilft der lieben Oma hoch und umarmt sie viel zu fest. Nrob zieht bellende Kreise.

Die alte Frau schlüpft in ihr Erdgeschoss und flüstert:

„Zum Piepen, zum Piepen!“ Ihr Kopf mit dem Haarnetz schüttelt sich.

Ttenna wandert hinaus

Ttenna trug in guten Zeiten einen ähnlichen Samtmantel wie ihre Freundin Andrine.

Samtrot, mit Kapuze und Rüschen an Saum und Ärmelenden.

An einem lauen Frühlingstag mit ein paar Winden zieht sie ihn das erste Mal über, setzt sich auf eine hellgrüne Wiese außerhalb der Stadt und freut sich. Hoch oben turnen Lärchen am Himmelszelt. Ttenna gefällt diese Welt.

Sie liebt die Luft, wenn sie mit ihren Haaren flattert und noch mehr die Stürme, wenn sie die Wolken jagen und Wipfel biegen. Ihre kleine Oma schüttelte den Kopf und ruft dann:„Bleib zu Hause, die Blätter wackeln!“

Aber das Mädchen winkt ab, nimmt seinen Hund und läuft hinaus. Sie will gegen die Böen ankämpfen – ganz ohne den Schutz von Gassen und Bäumen.

Ttenna breitet die Arme, Nrob flattern die Ohren. Manchmal drehen sie beide gegen die brausenden Winde.

Allmählich beginnt Ttenna zu frieren. Zu weit ist sie zu schnell gegangen. Jetzt merkt sie, dass auch der Frost noch im Gras kniet.

Jetzt sticht die Luft, beißt der Nordwind.

Die ersten Wege der Kleinstadt tauchen auf, der Ententeich im Kurpark.

Die Pflastersteine verraten, nun ist es nicht mehr weit bis zu Großmutters Tee und Opas Herzwaffeln. Hunger kommt und die Hand in der Hundeleine ist taub vor Kälte. Kirchglocken schlagen, als Ttenna vor der Haustür steht.

Sie ruft durch das Schlüsselloch, weil die Kraft für den Klingelknopf fehlt. Ein paar Mal kann sie schreien, bittend, flehend. Dann geht die Tür auf.

Die Finger kribbeln, in den Füßen reißt etwas kaputt. Der rote Samtmantel tropft:

„Mit dir ist es manchmal zum Piepen, Ttenna!“ tadelt die Familie rund um Kaffeetisch.

Die Wasserratte

Ttenna liebt den Sommer.

An besonders heißen Tagen zieht die Mutter die Übergardinen vor die Fenster, die nach Süden zeigen. Dann wird es kühler im Haus.

Die Familie füllt Taschen und Körbe für den Ausflug zum Ostseestrand.

Alle, die dort in Sand und Wasser spielen, sind nackt.                                                   Ttenna kennt das nicht anders.

Vom Salzwasser muss sie immer kosten und auch vom feinen, hellen Sand, weil das Knirschen sie entzückt.

Quallen scheinen Ttenna seltsam und sie kann kaum glauben, dass in ihnen Leben ist.

In Wackelpudding, durch den man das Sonnenlicht sieht soll ein Herz das Blut pumpen? sie dem

Sie tun Ttenna leid, weil sie so…                                                                                      halbflüssig und verletzbar sind. Abtauchen, anschwemmen und an Land lautlos vertrocknen.

Wenn die kleine Ttenna in tiefer See auf ein Tier aus Gelee stößt, erschreckt sie, schwimmt hastig zum Strand und findet es ein bisschen eklig.

Sie packt die Kreaturen in den feinen Sand, dann werden sie handfest wie gebackene Eierkuchen.

„Du piepst wohl nicht richtig!“ Ruft die Mutter durch einen freigewehten Schlitz vom grasgrünen Windschutz.

 Die Kälte

Die Kälte steht mit Ttenna auf Kriegsfuß. Jedes Jahr begegnen sich beide von Anfang September bis in den Mai hinein. Der beste Freund von Kälte – der Frost- hat sich gegen Ttenna verbündet. Er nagt an ihren Füssen, beißt sich an Nasenspitze und Ohrläppchen fest. Kälte und Frost lassen Ttenna oft nicht einschlafen. Dann sind ihre wachen Stunden lang.

Und der kleine Philosoph reist an. Setzt sich auf die Bettkante und erzählt echte Geschichten von Leben und Tod und dem danach. Das macht Ttenna fix und fertig. Ihr Atem wird heftig, ihr Herz rast durch die Dunkelheit. Starr hockt sie da und steht gleichsam im Universum der Unendlichkeit.

Einen Schritt weiter nur und sie piept nicht mehr richtig. Kurz davor kneift sie sich selbst und starrt an die Decke, bis zum Schlaf.

Timi Tüte

Timi Tüte ist ein Spinnenjunge mit einem schmerzenden Beinchen. Es ist links das dritte, das ihm so weh tut. Seit ein paar Tagen ist das so und Timi humpelt beim Krabbeln.

Die Herbstzeit jetzt ist Bestzeit für alle Keller,- Dachboden und Gartenspinnen. Timi sitzt hier oben im Winkel der Schlafzimmertür vor einem furztrockenen Fliegenkörper, weil er wegen dem Bein nicht mehr jagen kann. Auch sein Netz muss dringend erneuert werden.  

Da platzt die Zimmertür auf! Eine sonst so flinke und lustige Frau schlurft stöhnend vorbei. Timi kennt Ttrenna genau. Jeden Morgen verschwindet sie im Bad, frühstückt und fährt in die Schule. Wenn sie fort ist, wird Timi heute sein Netz neu bauen. In einem Morgenmantel frühstückt die ungewaschene Ttenna. Sie hustet und duscht nicht. Hungrig hängt Timi im Netz, das zu zerreißen droht, als die kranke Dame die Balkontür öffnet und ins Bett zurück krabbelt. Timi wartet bis zum Nachmittag, als ein roter Staubsauger donnernd über die Dielen jagt und mit seinem Luftstrom ein paar lose Fäden aus Timis Netz fetzt. Die sieben gesunden Beinchen suchen verkrampft nach Halt. Vergeblich! Das Gebläse trifft Timi frontal. Die Fäden und Beinchen versagen-mit einem lautlosen Schrei stürzt der arme Spinnenjunge hinab in die Tiefe. Im Zickzack verfolgt ihn nun der Staubsaugerdrache, verschluckt Staub und Krümel und dann auch Timi.

Er sitzt drinnen fest. Tiefschwarz und voller Schmutz nimmt ihm dieser Beutel die Luft.

Der Flug durch das Rohr war ein Flug ins Nichts. Hier ist es lautlos wie in einem Grab. Bis zum Läuten einer Glocke. Das Kreuz auf seinem Rücken brennt, die acht Beine zittern. Eine Fliege summt vorbei. Timi spürt ihre Gegenwart, sieht ihren blaugrünen Schimmer. Riecht an ihr Dinge aus der Welt außerhalb des Staubsaugerbeutels.

Timi pumpt. Timi wächst. Timis Körper drückt sich in alle dunklen Richtungen. Er fühlt sich zu groß. Ihm wird es sooo eng hier. Mit jeder Sekunde nimmt er zu, schwillt er an, entfalten sich neue Zellen, Kräfte, Muskeln. Timis Körper kämpft mit dem Beutel, der nicht mehr groß genug ist.

Dann ein Schlitz, ein Riss, ein Spalt. Der Beutel gibt den Weg frei. Der Verschluss ist gesprengt.

Unter Timis neuem Gewicht ächzen die gesaugten Dielen. Ttenna fiebert und schläft schon wieder.

Hin zur geöffneten Balkontür, ab zu den Ranken des dunkelroten Weines trabt das befreite Kreuzspinnentier.

Es trifft unten im Garten den Herbstwind und die streitsüchtige Krähe. Beide können Timi nicht kriegen. Schnell wetzt er in den Schatten der Blutbuche und labt sich endlich an der blaugrünen Fliege. Dieser Reiseproviant klemmt unter Timis drittem Bein, das nun hier draußen gesund werden wird.

Eine Meise flattert piepend durch die Zweige und verscheucht damit alle Spinnentiere.

Ratti Rattenschwanz

„Wenn ich doch nur die Uhr schon lesen könnte.“ Ratti drehte sich auf die andere Seite und schielte gegen die grüne Wand. Sein gelangweiltes Gnurren hörte er selbst.

In fünf Stunden erst würde sein allerbester Freund Jonas zu ihm ins Bett steigen.

Jonas und Ratti teilten sich das Kinderzimmer mit Rittern, Indianern, Piraten, einer Burg, der Kugelbahn, vielen Bilderbüchern, einem Kleiderschrank und dem kuschligen Bett.

Der Junge Jonas liebte sein Nest mit dem grauen, knuffigen Kuscheltier Ratti Rattenschwanz.

Der Achtjährige mit den blonden Strähnchen im Haar, der so viel von Fußbällen träumte, die nicht ins Tor gingen, von Verfolgern, die ihn hetzten, während ihm plötzlich die Beine so schwer wurden, der kuschelte sich jeden Abend tief verliebt in seine Kissen. Und nach jedem Aufstehen wartete Ratti dann gespannt auf die nächste Nacht. Er war glücklich, wenn er den Tag mit den ritterlichen Schlachten auf der Burg ohne Verletzung überstanden- oder wieder ein neues Buch zu Ende gelesen hatte. Zur Kaffeezeit hörte er für gewöhnlich die Autotüren klappen. Das war ein Geräusch, das Ratti versicherte, Jonas war in der Nähe.

Es folgten die Hausaufgaben-, Fernseh- und Abendbrotzeiten. Und dann legte sich aller Spektakel und die Krönung des müden Tages folgte: wenn Jonas kam.Ob kichernd, trotzig, verträumt, todmüde oder aufgekratzt…er kuschelte immer, aber auch immer mit seiner Ratte. Kaum hatte Mama ihren letzten Kuss gegeben, hielten sich Jonas und Ratti fest gedrückt bis in den Schlaf. Mit den Träumen des Jungen kam die große Aufgabe des Kuscheltiers.

Das Trösten begann!

Der Traum lässt Mama sterben

Ich sah Mami. Sie hatte eine Spritze mit einem Schlauch im Arm. Sie sah mich an und liebte mich. Ich wusste nichts mehr. Was sie hatte- nicht, warum sie da lag- nicht, was sie mir sagen wollte- nicht, was ich machen sollte- nicht.  Ich liebte sie; und ich wollte nicht mehr leben, wenn sie nicht mehr bei mir wäre. Das war das einzige, was mir klar war. Alles andere verschwamm vor meinen Augen- und ich machte beide Augen auf; die voller Tränen waren.

Aufgewacht!

Das Atem holen fiel Ratti sehr schwer, denn Jonas drückte ihn fest.

Der Traum lässt meinen Hund verschwinden

Ich sehne mich so nach ihm; dass das Herz mir weh tut.

Jupiter ist weg. Er war mein großer, mein starker Held. Ich spüre meine Liebe zu ihm. Der große Schäferhund, der mich hätte beißen können; und doch nur

auf mich zu rannte…mit seiner nassen heißen Zunge und den vorsichtig zwickenden Zähnen.

Ich war so winzig gegen ihn.

Doch er hört nicht auf. Da rief ich „Ist gut jetzt, aus!“ Doch Jupiter hört einfach nicht auf. Ich keife “Jupiter aus!“

Da wird er wilder.

Mein Arm tut weh-

Ratti ist nass von den Tränen aus Jonas` Augen.

Der Traum treibt Monster auf den Hof

Es sind so viele- und ihr Anführer ist auch dabei. Von Opas Hof gibt es kein Entkommen!

Er ist umzäunt, die Pforte nicht da.

Sie sind so schnell. Der Größte am schnellsten. Er kommt und packt mich.

Schon hebt er den anderen Arm.

„Nein, bitte nicht töten!“

Rattis Fell schmiegt sich weich an Jonas heiße Wange.

Der Junge blinzelt, lächelt.

Sein Atem wird leicht.

Tom Sockenloch

Erstens: die Ferien beginnen. Zweitens: Sechs Wochen Langeweile. Drittens: Vierzig Tage von guten Ratschlägen genervt sein.

Diese Tatsachen lassen Tom wütend in seinem Zimmer mit den vier Ecken voller Spielzeug sitzen und schmollen.

In der Küche klappern die Kaffeetassen und plappern die Eltern. Tom hört seinen Namen rufen, lässt das Legomännchen gegen die Fensterscheibe fliegen und schleppt sich zum Esstisch.

Die fröhlichen Freitagsgesichter der Familie ziehen den zehnjährigen weiter nach unten. Nur der Duft des frisch gebackene Lieblingskuchens krabbelt ihm freundlich in die Nase.

Das erste Kuchenstück macht einen Salto und landet mit dem Bauch auf Toms Teller. Ganz nebenbei beneiden ihn alle am Tisch als das Ferienkind, das doch nun endlich mal richtig faul sein kann. Tom sieht nicht auf, zwängt die Ruinenteile seines Kuchens hinunter und verabschiedet sich in sein Zimmer; als hätte er Großes geplant.

Neben ihn legt sich sein alter Hase ins Bett und blickt den Freund aus dem übrig gebliebenen Knopfauge an. „Du bist behindert, mit deinem einen Auge!“ Zischt der Junge und schnipst die Nase des Häschens. „Sag- mir- was- ich- sechs- Wochen –lang- tun -soll!“ Durchgeschüttelt lässt das Tier die Ohren hängen.

Tom schließt die Augen und liegt mit krauser Stirn so da. Das Herz pocht heftig in ihm, er kaut an seinen Nägeln. Dann juckt sein linker Fuß mit dem ätzenden Mückenstich von gestern. Tom kratzt und kratzt. Es tut gut. Er rubbelt die Socke hin und her. Es brennt. Es wird feucht. Blutet es? Er knipst am Schalter über seinem Bett und entdeckt den hellroten Blutfleck und das Loch in seiner Socke. „Spucke hilft!“ weiß Tom von der Schwester. Er lutscht am linken Zeigefinger und fährt mit der Hand zurück zum Fuß.

Plötzlich fegt ein dünner Sturmstrahl auf das Kinderbett zu. Er reißt Tom aus dem Bett, zieht an seinen Haaren und saugt den schreienden Jungen mit enormer Kraft durch ein winziges Loch im Fensterglas nach draußen. Tom erinnert sich an das geworfene Legomännchen und ist außer sich vor Angst. Die Stadt unter ihm wird rasend kleiner, das Zuhause eine Puppenstube.

Der schwarze Abendhimmel gibt ein Loch frei; da hindurch- und weg ist Tom. Jetzt schwebt er. Scheinende Kugeln, Sterne und neblige Wellen aus Staub lenken ihn viele weite Momente weit. Die Angst vergeht. Von einer gefühlten Sicherheit liebkost, dreht sich der Junge verträumt um sich selbst; und landet sanft und mit dem Bauch zuerst auf einer Wehe, die er nicht fassen kann.

Ein Antippen. Ein Eintauchen. Ein warmer Strom von Glück dringt über die Finger in den ganzen Tom.  „Schön!“ flüstert er, erhebt sich, zieht seine Hände aus der Wärme und lässt sie in einem Bogen über sich durch den Raum fahren.

Zehn wunderbare Farben erhellen das Gemüt des Jungen, durchfluten Herz und Kopf. Wunderbare Kräfte erfassen Toms Körper. Neugierde, Phantasie und Ungeduld lassen ihn aufstehen, die Schuhe wegwerfen, hineinspringen und untertauchen. 

Lange dauert es, bis Tom wieder an die Oberfläche kommt. Sein Häschen hat ihm vergeben. Das Legomännchen liegt am Fenster, das zum Glück heil geblieben ist. Ein Streicheln geht durch sein Haar. „Das Schuljahr hat dich geschafft, mein Junge! Schlaf dich nur aus!“

Tom schlingt die Arme um ihren Hals. „Ich hab so viel vor, Mama! Das kann ich unmöglich verschlafen!“

„Piep, piep, piep…ich hab dich ja sooo lieb!“

Misjö stört

Misjö flutscht durch jedes Fangnetz. Misjö ist ganz besonders.

1. Weil er nämlich nur halb so groß aber doppelt so schnell ist als alle anderen.  2. will er sich niemals in einen Behälter einsperren lassen, niemals!

Und so ist Flucht eigentlich seine große Lebensaufgabe geworden.

Fühlt sich Misjö von Wänden bedroht oder schnüren ihm Befehle den Hals zu, wird der kleine Sprilli zum Zitteraal. Er verteilt solche Starkstromschläge, dass drum herum alles zu Schaden kommt. Manche verlieren den Kopf oder ihnen rutschen die Flossen aus. Andere schreien entsetzlich laut, weil sie glauben, Misjö damit zähmen zu können. Wenige reißen aus und verstecken sich vor Misjö in ihren Höhlen.

Der aber schwimmt schnell davon, keift und kichert mit grellem Stimmchen. Und niemand kriegt Misjö zu fassen.

Er war einst viel zu früh auf seine Welt gekommen. Vieles von dem, was Misjö für den Beginn seines Lebens gebraucht hätte, musste er außerhalb des Mutterleibes nachholen. Dass er deshalb ein Krümel mit zerbrechlichen Gräten, schuppiger Haut und klirrendem Stimmchen ist und noch dazu seine Stromstärke nicht steuern kann, weiß kaum jemand; außer Mama, Papa und Schwesterchen.

Gerade taucht ein Ding vor Misjö herab. Der Winzling bemerkt es diesmal nicht, weil er über den Ausraster von eben nachdenkt. Mama weint, Papa zuckt die Flosse, die Schwester bleibt versteckt. Dieses Ding ist kein Netz; es ist etwas aus Glas und fängt Misjö ein.

Von nun an wird der kleine Quälgeist sein Leben lang beobachtet und sein Zittern nimmt kein Ende. Diejenigen, die Misjö hinter sich lässt atmen auf. Diejenigen, die seine Stromschläge messen, sind stolz, so einen Fang gemacht zu haben.

Misjö bleibt traurig und gequält. Erst als er viel zu groß für das Glasbecken ist, lässt man ihn frei.

Die Eltern sind lange tot. Und Misjö bleibt allein.

Weiße Perlen

Amelie lebt im größten Ozean der Welt. Ihr Haar fällt in Wellen, ihr Schwanz schillert aus blau-grünen Schuppen. Kurz hinter dem sonnengelben Korallenriff ist sie mit ihrer Mutter, Königin Nea, zu Hause. Amelies Vater  ging verloren, als sie gerade ein Jahr alt war.

Man erzählt ihr, dass König Neon damals von Fischern aus dem Meer an die Luft gezogen wurde. In ihrem Fangnetz war er vertrocknet und hatte sich irgendwann in Luft aufgelöst.

Amelie glaubt trotz dieser gruseligen Geschichte fest daran, dass ihr Papa noch am Leben war und sieht  ihn oft aus einer Himmelswolke hinunter winken.

Sie steht kurz vor ihrem 15. Geburtstag. Das bedeutet, bald wird sie ein Meerjungmännchen heiraten müssen. So will es das Gesetz; eins von 98 Meeresgrundgesetzen.

Eigentlich, war das Aussuchen des Bräutigams Aufgabe des Vaters einer Meerjungfrau. Wie es nun bei Amelie geschehen würde, war unklar und ihr deshalb auch ziemlich egal.

Frei und sorglos tanzt sie durch die Wellen, ist ein fröhliches Mädchen mit glitzernden Schuppen.

Von jedem Meeresbewohner geliebt, singt Amelie weiße Schaumkämme auf die Wellen – und springende Fontäne an die Strände.

Ihr Herz hat –wie bei den Menschen- zwei Kammern. In der einen wohnt die Liebe zu Mutter und Vater, in der anderen die Sehnsucht nach einer echten Freundin. Zwar mag sie die Quallendamen aus Gelee, die Plattfischmädchen, Hummerboys und Schwertfischjungs, jedoch so eine Meerjungfrau wie sie selbst, ist Amelie noch nie begegnet.

Jetzt hockt sie sich in ein wogendes Algenfeld und blickt verträumt in die geöffnete Auster, aus der gerade eine neue weiße Perle herausrollt.

Zwischen den Muscheln, Schnecken und Steinchen bleibt das Schmuckstück frisch gebettet liegen. Diese kleinen Kugeln sind für Amelie der Inbegriff von Schönheit und Güte.

Es heißt, sie können das Wesen der Meeresbewohner in ihrem Inneren verändern. Herzen, die dunkel und hasserfüllt  sind, würden hell, liebevoll und herzlich.

Amelie kennt niemanden, dem sie diese Perle geben müsste. Um sie herum gibt es keine bösen Herzen. Das Mädchen summt unbekümmert und kleine Bläschen taumeln wie auf eine Schnur aufwärts. Das Summen wächst zu einer  Melodie, die Melodie zu einem Lied, das Lied wird ein Konzert, dass das Meer verwandelt.

Plötzlich bricht ein fremder Körper  Amelies Töne. Ein elegant schwimmendes Weibchen mit wogenden Haaren und klingelnden Schuppenreihen nähert sich lächelnd. Amelie erkennt eine Figur wie die eigene, einen Unterwassertanz wie den ihren, ein Gleichgewicht, das auch sie besitzt. Über der Anemonen-hecke hält das Wesen an. Amelie blickt in zwei sanfte, braune Augen.

„Auf dich habe ich gewartet.“  gibt sie zu. Ihr Gegenüber nickt stumm.„Woher kommst du nur?“ Amelie schwimmt der Unbekannten entgegen.

„Du kannst nicht sprechen?“ Die Jungfrau weicht in die Hecke zurück. Amelies Moment, ein Wesen ihresgleichen festzuhalten ist jetzt da. Ihre Finger berühren das Haar der Versteckten. Erschrocken blickt diese auf, greift  Amelies Hand.

„Ich bin Isabell! Morgen ist mein15. Geburtstag. Dann darf ich nur noch zusammen mit einem Mann ins offene Meer. Mein sehnlichster Wunsch ist, nur einmal noch allein hinauszuschwimmen. Die letzte Chance, verstehst du? Ich komme aus viertausend Metern Tiefe, aus der Finsternis.“                                  

Amelie durchläuft ein eisiger Schauer. „Auch ich werde bald verheiratet. Aber in Finsternis lebe ich nicht. Du arme…

Ich hörte von einem Ungeheuer, das dort leben soll.“

Isabell neigt den Kopf „Da sprichst du wohl von meiner Mutter Gisell. Herzlos, gierig, zornig ist sie.“

„Du liebst sie trotzdem?“ Amelie zittert.

„Sie ist meine Mutter. Und sie war nicht immer so. Als ich etwa ein Jahr alt war, soll Mama unsterblich verliebt gewesen sein. Doch ihre große Liebe entschied sich für eine andere Meeresdame. Meiner Mutter brach dieser Meermann  damit das Herz und alles Gute und Zufriedene wich aus ihr und machte dem Bösen Platz.

Ihre Rache war groß. Sie rührte das Meer so schaumig, dass er  seine Besinnung verlor, in eine lange Ohnmacht fiel und in das Nichts hinab sank. Das Nichts ist unfassbar für uns alle, unendlich, unergründlich. Daraus gibt keine Rettung, kein Zurück! Ich habe meine Mutter seither nicht mehr lächeln sehen. Das Funkeln ihrer Schuppen ist verblasst. Aus Angst, ihr Kummer könne sich als Zorn eines Tages auch gegen mich wenden, schweige ich  zu allen Entscheidungen, die sie trifft. Auch wenn ich sie verabscheue. Am Sonntag erlässt sie zum Beispiel das Meeresgrundgesetz Nummer 102, das Schwimmverbot im Sonnenlicht.“

Amelie reißt die Augen auf: „ Davon hörte ich. Das ist der Befehl deiner Mutter?“ Isabell nickt mit tropfenden Augen.

Amelies Hand legt sich auf Isabells Schulter: „Auch ich lebe allein mit meiner geliebten Mutter. Mein Vater ist in einem Fischernetz vertrocknet, sagt man. Die Trauer um ihn hat auch sie tief getroffen. Oft steigt der Meeresspiegel, weil sie um ihn weint. Aber sie trägt  nur weiße Perlen in ihrem Herzen.“ Amelie lächelt sanft.

„Weiße Perlen?“ Isabell schüttelt ungläubig ihren hübschen Kopf mit dem flammend roten Haar. „Was bedeuten weiße Perlen?“  Sofort erzählt Amelie die Geschichte von der Kraft der Perlen, die aus den Austern kullern und die sie so liebt. Und während sie spricht und spricht, entdeckt sie eine Idee. „Isabell, du sagtest, deine Mutter sei herzlos, zornig und gierig? Wonach giert sie denn?“  Isabell versinkt in Gedanken. „Nach Schätzen des Meeres, wie wundersam geformten Schnecken, gefächerten Muscheln, geschliffenen Steinen und ja, auch die weißen Perlmuttperlen der Auster tauscht sie ein.“

„Was bekommt sie dafür?“ Will Amelie unbedingt wissen. Isabell schreckt zurück und verschwindet in Eile. Durch das Blau des Wassers sieht Amelie ein Zeichen: drei aufblinkende Schuppen an Isabells Flosse rufen:

„Sei morgen früh um drei wieder hier!“

Bis dahin können beide Mädchen nicht schlafen. Amelie wälzt sich an der Oberfläche, Isabell in der Finsternis. Eine halbe Stunde zu früh treffen beide aufeinander, der Anemonenbusch nimmt sie schweigend auf.

„Was ist mit deiner Schwanzflosse, Amelie? Sie fühlt sich eiskalt an!“

Amelie schluckt. Ihre rechte Faust umklammert die Perle, die sie seit gestern hält. Noch ist sie nicht 15, noch hätte sie die Perle nicht nehmen dürfen. Sie aber hat es getan; für Isabell und Gisell, für ihren Papa und das ganze Meer.

Das ist ihr heute Nacht nicht mehr aus dem Kopf gekommen. Dafür nimmt sie eine kalte, sich versteifende Schwanzflosse in Kauf; den Preis für den Diebstahl einer Perle durch ein Meereskind.

Isabell nimmt Amelie in den Arm. „Du hättest mich zu dem Ort führen können! Ich bin seit ein paar Stunden 15 Jahre alt. Mir wäre nichts geschehen!“

Amelie nickt. Ihre Hand gibt die Perle frei und reicht sie Isabell „Bring sie als erstes Zeichen der Liebe ins Reich der Finsternis. Versuch damit, das Schwimmverbot im Sonnenlicht zu verhindern. Lass uns danach heimlich weiter treffen. Jeden Morgen um drei im Anemonenbusch!“

Die Perle hat Isabell wie einen Schatz genommen. Einmal noch streicht sie über Amelies leblosen Schwanz, dann ist sie fort. Die Algen stehen still, die Muscheln sind geschlossen.

Vorbei an der roten Grotte und dem schwarzen Loch will Amelie zurück auf ihr Lager, als sie von einem grellen Lichtstrahl getroffen wird.  Wie ein Leuchtfeuer ruft er nach ihr.

Amelie schwimmt darauf zu und eh sie es begreift, wird sie hineingesogen, ist sie fort.

Schwebend in einer hauchdünnen Luftblase kommt sie zu sich. In einem grauen Schein erkennt sie die Gestalt, die sie trägt. Amelies Herz erkennt ihn. Es ist ihr Vater. Er scheint  nicht fest oder flüssig, nicht richtig da, aber auch nicht unsichtbar, nicht lebendig und doch bewegt.

Amelie fühlt,  woran sie glaubt. Das reicht ihr. Inmitten eines Lichtstrahls bringt Neon die Luftblase zum Platzen. Amelie öffnet die Augen und hört die Stimme ihres Vaters singen.

Er singt ein Lied von der Liebe zu zwei Schwestern, von dem schweren Tag der Entscheidung, von der Geburt zweier Kinder und von der Rache einer der Frauen, gegen die sich der Mann  entschied. Sie hieß Gisell.

 „Papa!“ haucht Amelie. „Lass uns den Ozean retten, weiße Perlen für Gisells Herz sammeln und Mama glücklich machen!“ Neon lächelt. Er streicht Amelies Haar, greift nach ihren Händen und erzählt:

„Mein Kind! Dass du es gewagt hast, den Weg zu mir gehen, ist mein größtes Glück. Nie habe ich getraut, mir das vorzustellen, und jetzt bist du da. Wie gern würde ich zu euch zurückkehren, aber es ist mir nicht mehr möglich. In Gisells Fluch heißt es, ich hätte bis zum 15. Geburtstag der erstgeborenen Tochter Zeit, um wieder aufzusteigen. Dieses Kind muss aus eigener Sehnsucht den Vater finden und befreien. Gestern war Isabells Geburtstag. Heute beginnt meine Ewigkeit an diesem Ort. Ein bisschen zu spät ist auch zu spät.

„Es tut mir so leid, mein Mädchen“ Betrübt senkt Neon den Kopf als Amelies Tränen das tiefgraue Wasser tränken.

Indes öffnet Mutter Nea ihre schwerste Truhe. Tausende weißer Perlen strahlen ihr entgegen. Sie sind Geschenke der Meeresbewohner, Zeichen von dank und Zuneigung.  In purer Angst, ihrem Kind sei etwas zugestoßen, will Nea diesen Schatz ins Meer kippen. Mögen die weißen Perlen das Böse- wo immer es auch sei-verdrängen. Die Frau greift nach den Metallgriffen …

„Mama warte. Ich helfe dir doch!“ Beim Anblick ihrer Tochter weint Nea laut auf. Von ihrem Plan, die Perlen in die Fluten zu streuen, erzählt sie.

Und Amelie berichtet von Gisell und Isabell, von Neon, dem Fluch und der verpassten Chance.

Beide befällt  eine ruckartige Unruhe. Sie denken an die vielen weißen Perlen, an Gisells schwarzes Herz und an all die scheinbaren Unmöglichkeiten, Neon zurückzuholen. Die Truhe bleibt verschlossen und…

…ein neuer Tag bricht an. An seinem dritten Stundenschlag ist Amelie am Anemonenbusch. Isabell springt auf sie zu; und ist jetzt eine Braut geworden.

Amelie streicht der Freundin, die nun ihre Schwester geworden ist, über den Schleier. Was sie berichtet, lässt Isabell vor Entsetzen verstummen.

„Wir müssen Neas Truhe öffnen und mit allen Perlen in Gisells Schlafgrotte tauchen! Jeder Welle, die meine Mutter einatmet, geben wir eine Perle mit! Es ist die einzige Rettung für Papa!

Nur Gisell selbst kann den Zauber brechen; wenn sie wieder gut ist!“ Die Schwestern hinterlassen einen schnellen Strudel. Einige Stunden später durchringt goldenes Sonnenlicht die Tiefen des Ozeans. Noch nie zuvor hat das Meer so wunderbar gestrahlt.

Die Menschen auf dem Kreuzfahrtschiff stehen an Deck und warten auf die Ankunft der Wale. „Da sind sie!“ ruft ein kleiner Junge im Schlafanzug. „Sie tanzen, als ob sie ein Fest feiern! Und das so früh am Morgen!“

…ist ja zum Piepen!!!

Autor: Annett Born

25.06.1969 in Rostock geboren bis 1988 in Mecklenburg aufgewachsen von 1980 bis 1984 an der Uni Klinik Rostock wegen lymphoblastischer Leukämie beahndelt worden 1989 an der Fachschule für Sozialpädagogik in Weimar die staatliche Anerkennung zur Erzieherin absolviert in Süßenborn bei Weimar gewohnt 1992 nach Berlin gezogen; 1993 zum ersten Mal Mutti geworden von 1994 bis 2001 Begleiterin auf der hämatologisch-onkologischen Kinderstation der Charite` 1996 zweite Tochter - 1999 erster Sohn geboren 2001 Rückzug in die Heimat Mecklenburg Vorpommern Wohnorte: Stieten und Dessin bei Sternberg 2004 bis 2009 Tätigkeit in der Nachsorgeeinrichtung für mehrfach geschädigte Suchtkranke 2007 Geburt des vierten Kindes 2009 bis 2015 Erzieherin und Leiterin in der Kindertagesstätte "Sankt Martin" in Dabel 2015 Umzug nach Bielefeld 2016 bis 2019 Gruppenleiterin an der OGS der Eichendorffschule in Bielefeld seit 2019 Leiterin der neu errichteten - und im März 2020 eröffneten SKM-Kindertageseinrichtung "D.O.M. Greifswald" in Bielefeld